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Karin Rezewski

 

Altbewährte Erfahrungen des Züchters -
haben sie heute noch Gültigkeit?

copyright © Karin Rezewski

 

Im Boxer Klub München kann jedes Mitglied Boxer züchten, sofern es die Zuchtordnung des Klubsanerkennt und sein Hund die entsprechenden Voraussetzungen erfüllt hat. Die Zuchterlaubnis wird nicht erteilt, wenn der begründete Verdacht besteht, dass eine gewerbliche, nur auf Profit ausgerichtete Hundezucht betrieben werden soll.

Hundezüchten bedeutet mehr als nur Hunde vermehren. Es bedeutet vielmehr, eine Rasse erhalten und ständig verbessern.Dazu sind eine ganze Reihe von Voraussetzungen nötig. Allem voran steht die Liebe zum Tier. Ohne diese Liebe hält ein Züchter auf die Dauer nicht durch, denn züchten heißt nicht nur Freude und Erfolg haben wollen, sondern auch Opfer bringen. Auch wenn außer der Lust und Freude an der Sache die zeitlichen und räumlichen Voraussetzungen nicht gegeben sind, sollte man mit dem Züchten gar nicht erst anfangen. Bei einem sogenannten full time job können wir ohne Hilfe eines Dritten der Zucht nicht gerecht werden, denn der Wurf braucht rund um die Uhr Aufsicht und Pflege. Entschieden abzuraten ist auch von dem Züchten in einem Zwinger weitab von der Wohnung. Es kann sich so vieles ereignen, das ein sofortiges Einschreiten erfordert, sollen nicht irreparable Schäden entstehen. Zudem fehlt einem das Schönste, das die Zucht überhaupt bieten kann, nämlich das Beobachten der Welpen in ihrer Entwicklung, beim Erkunden ihrer Umwelt. Außerdem brauchen Hündin und Welpen den ständigen Kontakt mit Menschen. Nur so hat die Hündin die nötige Ruhe und die Welpen lernen Vertrauen zum Menschen zu entwickeln und damit auch die innere Sicherheit für ein normales soziales Verhalten. Nervöse Menschen eignen sich nicht zum Hundezüchter. Junge Hunde sind lebhaft, sie machen Lärm. Wer das nicht ertragen kann, sollte lieber Goldfische züchten. Züchten bedeutet auch Arbeit. Welpen sind von jung auf an Sauberkeit gewöhnt. Da heißt es sich bücken und nochmals bücken, um Wurfkiste und Auslauf zu säubern, und das bei jedem Wetter.

Züchten fordert, trotz aller Liebe zum Tier, ab und zu auch eine gewisse Härte, nicht nur in der Erziehung gegenüber seinen Schützlingen, sondern auch gegenüber seinen eigenen Gefühlen. Weder mit der Verpaarung noch mit dem Kinderkriegen muss es nicht immer alles glatt gehen. Da können Hündin oder Welpen erkranken, sie können sterben. Nicht lebensfähige oder mißgebildete Welpen müssen eingeschläfert werden.All das muss man hinnehmen können. Wenn die Welpen mit lO Wochen noch nicht alle abgegeben sind, muß genügend Zeit, Platz und nicht zuletzt auch genügend Geld vorhanden sein, die Jungtiere zu behalten, bis für sie ein geeigneter Platz gefunden ist.

Als Züchter muß man auch Menschen ertragen können. Daneben können wir aber auch freudig bekennen, dass wir durch unsere Hunde viele nette Menschen kennenlernen und dadurch die besten Freundschaften entstehen können.

So wenig ein Meister vom Himmel gefallen ist, so wenig wird jemals ein perfekter Hundezüchter vom Himmel fallen. Bei den besten Voraussetzungen und aller Bereitschaft, immer wieder hinzuzulernen,
braucht man zum erfolgreichen Züchten auch eine gute Portion Glück. Dieses zuerst schon einmal mit der Hündin, mit der man anfängt. Das Beste ist gerade gut genug, hat sich immer bewahrheitet. Minderwertige Tiere haben meistens auch minderwertige Anlagen. Man sollte auch nicht den Fehler machen, die beste Hündin im Wurf zu verkaufen und mit der schlechteren weiterzüchten, weil sie ja das "gleiche Blut" führt. Wer sich schon einmal mit der Vererbungslehre und ihren Grundgesetzen beschäftigt hat, weiß, dass diese Theorie nicht richtig ist. Nicht das Blut ist Träger der Erbanlagen, die Vererbung folgt dem Gesetz der Spaltung und nicht einer Anteilsregel. Es gibt also immer und in jedem Fall eine mehr oder weniger größere Mischung verschiedenartigen Erbgutes. So gesehen ist eigentlich jeder Hund stets eine einmalige Ausgabe, die sich kaum ein zweites Mal wiederholt. Der Züchter, der also außer Acht läßt, dass Geschwister aus ein und demselben nicht nur außerlich, sondern auch erbmäßig sehr verschieden sein können, kann sich ganz schön ins eigene Fleisch schneiden.

Gegensätze gleichen sich aus, auch diese Ansicht ist falsch. Eine steile Hinterhand kann nicht durch eine übergewinkelte, Übergröße nicht durch Untergröße ausgeglichen werden. Noch ein Beispiel, einem Besitzer wird von allen Seiten klargemacht, dass er da ein ganz besonders gutes Exemplar der Rasse an der Leine hat - ihm wird geraten, unbedingt mit ihr zu züchten. Nach der alten Regel " das Beste ist gerade gut genug " wird sie daaufhin einem " Spitzenrüden "zugeführt. Diese grobe Gleichung " Gleiches mal Gleiches = Gleiches " geht aber in den wenigsten Fällen auf, der Wurf kann ein vollständiger Misserfolg werden. Der Züchter hatte das Pech, dass seine Hündin genau die gleichen unerwünschten Eigenschaften rezessiv ( verdeckt ) in ihrem Erbgut trägt wie der hochqualifizierte Rüde. Um derartige Enttäuschungen zu vermeiden, müssen wir versuchen, uns so weit wie möglich abzusichern, indem wir klären, wie es um den wirklichen Zuchtwert der vorgesehenen Partner bestellt ist. Mit anderen Worten, wir versuchen, die erblichen Anlagen der Hunde herauszufinden. Diese sind aber leider nicht direkt sichtbar, so dass wir auf mehr oder weniger zuverlässige Hilfen angewiesen sind. Neben statistischen Erhebungen steht die Beurteilung des Einzeltieres, sein individuelles Erscheinungsbild in Formwert und Wesen im Vordergrund. Hierzu können Zuchtprüfungen von Nutzen sein. Trotz der auf diese Weise durchgeführten Selektion können aber Fehlschläge nicht immer vermieden werden. Wir erkennen daraus zweierlei, und dieses gilt für die meisten Merkmale, ihre Anlagen werden rezessiv ( verdeckt ) vererbt und sie werden durch Umwelteinflüsse ( Aufzucht und Haltung ) mit bestimmt. Als Faustregel kann man annehmen, dass das Erscheinungsbild ( der Phänotyp ) unseres Hundes durch l/3 Vererbung, wobei die Mutter eine größere Rolle spielen soll als der Vater, durch ein weiteres Drittel Erziehung durch das Muttertier und Umwelt beim Züchter und das letzte Drittel durch Erziehung und Haltung des Besitzers geprägt wird. Die erworbenen Eigenschaften vererben sich nicht. Das klassische Beispiel : Der Rüde mit VPG III gibt sein erworbenes Wissen und Können nicht an seine Nachkommen weiter, sondern er bietet nur eine gewisse Gewähr, dass der Hund das nötige Lernvermögen und die nötige Unterordnungsbereitschaft besitzt und dass er von diesen Fähigkeiten etwas an seine Nachkommen weitergeben könnte.

Viel wesentlicher für die Feststellung des Zuchtwertes eines Hundes sind einmal die Geschwister und Eltern und zum anderen vor allem die Nachkommenprüfung. Es gilt also zunächst herauszufinden, was wir an Vor- und Nachteilen in der Familie haben und wie es um die Nachzucht eines ins Auge gefassten Hundes bestellt ist. Jedes Tier muss kritisch durchgemustert werden. Danach muss ich mit mir ins Reine kommen, was ich als Erstes verbessern will, wo der Hebel zuallererst anzusetzen ist. Die Erfahrung hat gezeigt, dass wir nur Schritt um Schritt vorankommen können. Ist bei dieser Durchmusterung der Nachkommen auch nur ein Tier darunter, der den Fehler zeigt, auf den es mir ankommt, so ist das ins Auge gefasste Zuchttier mischerbig, das heißt es ist Träger dieses Fehlers. Fehler sind in der Zucht leicht auszumerzen, wenn sie sich dominant, sichtbar vererben, sie sind aber praktisch unausrottbar, wenn sie dem rezessiven Erbgang unterliegen. Sie können dann von Generation zu Generation unsichtbar weitergegeben werden. Sie treten nur auf, wenn beide Elterntiere Träger der Anlage sind. Ein Musterbeispiel dafür sind die Hodenfehler in unserer Rasse. Es gehlt also nicht an, beim plötzlichen Auftreten eines Einhoders ( rezessiver Erbgang ) einseitig dem Deckrüden dafür die Schuld in die Schuhe zu schieben. Es ist aber auch wenig wirksam, solche Einhoder für die Zucht zu sperren, denn Erbträger sind sowohl der Vater als auch die Mutter und vermutlich auch der größere Teil der Geschwister. Konsequenterweise müßte die ganze Familie von der Zucht ausgeschlossen werden. Dass ein solches rigoroses Vorgehen praktisch aber nicht durchführbar ist, liegt auf der Hand. Auf der Hand liegt aber auch, daraus abzuleiten, dass wir bei der Zuchtplanung zwar versuchen sollten, die Hodenmängel so weit wie möglich zurückzudrängen, diese aber auch nicht überbewerten dürfen. Bei aller Berechnung und Erforschung der Ahnengalerie darf es nicht passieren, dass wir den Wald vorlauter Bäumen nicht mehr sehen. Das heißt, wir dürfen nicht den Blick für das Wesentliche verlieren. Ob in der Zucht oder in der Beurteilung des Rassetyps gilt immer der Grundsatz, was sind die wesentlichen Merkmale, die den Boxer prägen und wie werte ich die einzelnen Mängel in ihrer Relation zu den Vorzügen des Hundes. Genauso wenig wie es keinen absolut korrekten Hund gibt, genauso wenig gibt es die absolute Erbreinheit in der Hundezucht. Allein die Tatsache, dass die Entwicklung in der Zucht nie stillsteht und wir dadurch nie auslernen, ist hier Beweis genug. Es gibt gewiss viele Züchter, die nach einem oder zwei glücklich aufgezogenen Würfen schon alles wissen. Sie bekommen dann auf den Ausstellungen auch Nervenzusammenbrüche, wenn ihr Hund nicht auf dem ersten Platz steht. Sie sollten doch einmal versuchen, ihre Hunde unvoreingenommen mit denen der anderen zu vergleichen. Man muss auch einmal seine Ansichten und Meinungen revidieren können, wenn sie sich als falsch erweisen sollten, sowohl als Züchter als auch als Richter.

Karin Rezewski, 19.02.06

 
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